Bye-bye, Bitumen?

    Mit Bitumenalternativen aus nachhaltigen Rohstoffen könnte der CO₂-Ausstoss bei der Asphaltproduktion weiter reduziert werden. Verschiedene Forschungsprojekte suchen darum nach biologischen Bindemitteln, die dereinst das fossile Bitumen ersetzen sollen. Fahren wir bald auf grünen Strassen?

    In der Berner Gemeinde Köniz rollen Fahrzeuge seit Frühling 2024 auf einem Strassenabschnitt über einen Belag, der Biobitumen aus Cashew­nuss­scha­len­extrakt enthält. Was exotisch klingt, ist unterdessen keine Besonderheit mehr. Weltweit forschen Wissenschaftler an Bitumenalternativen aus Pflanzen­ölen, Baumharzen oder Algen. «Der Fokus der internationalen Forschung liegt momentan vor allem auf Lignin und Tallöldestillaten, beides Abfall­produkte aus der Holz- beziehungsweise Papierindustrie», sagt Johannes Büchner, Leiter des Bitumenkompetenzzentrums in Braunschweig. Während die Tall­ölprodukte flüssig und klebrig sind, ist Lignin ein festes Pulver. Können sie dereinst Bitumen vollumfänglich ersetzen?

    Begrenzt verfügbare Ressource
    Bitumen ist weltweit das wichtigste Bindemittel im Strassenbau, da es mit unzähligen Vorzügen punktet, etwa Elastizität und Toleranz gegenüber Temperaturunterschieden. Es gibt aber auch eine Kehrseite: Bitumen verursacht bei der Herstellung hohe CO2-Emissionen und ist als fossile Ressource nur begrenzt verfügbar. Das Interesse an alter­nativen Bindemitteln aus nach­wach­sen­den Rohstoffen ist darum gross.

    Gross sind auch die Erwartungen an mögliche Ersatzprodukte: Ihre Bezeichnung als Biobitumen und Berechnungen zu ihrer Ökobilanz suggerieren, dass sie nachhaltig sind. «Die Schlussfolgerung, dass Biomaterial automatisch öko­logisch vorteilhafter ist, ist definitiv falsch», sagt Prof. Michael P. Wistuba, der an der Technischen Universität Braunschweig das Institut für Strassen­wesen leitet. So ist nicht geregelt, wie hoch der Anteil an biologischem Material sein muss. «Heute kann ein Bio­produkt 99 Prozent fossile Rohstoffe enthalten», nennt Michael P. Wistuba ein Beispiel. C14-Analysen, die im Rahmen des Forschungsprojekts NOBIT (siehe Box) durchgeführt wurden, zeigten dann auch, dass ein als Biobindemittel beworbenes Produkt nur wenige Prozent nachwachsende Rohstoffe enthalten kann und der Rest aus Erdöl stammt.

    «Heute kann ein Bioprodukt 99 Prozent fossile Rohstoffe enthalten.»

    Prof. Michael P. Wistuba, Leiter des Instituts für Strassenwesen, Technische Universität Braunschweig

    Gute Werte bei Tallölpech
    Auch die Berechnungsmethode für die CO2-Belastung von Bindemitteln aus biologischen Rohstoffen ist nicht genormt. Johannes Büchner erklärt die Problematik anhand des Extrakts aus Cashewnussschalen: «Die Herstellung und der Transport des Öls benötigen viel Energie. Diese Emissionen werden dann verrechnet mit dem Kohlenstoff, den die Pflanzen im Lauf ihres Lebens absorbiert haben. Allerdings ist sich die Wissenschaft nicht einig, welche Werte tatsächlich in die Ökobilanz einfliessen sollen.» Heisst also: Ein Bioprodukt, das der Hersteller als CO2-negativ deklariert, ist es aus wissenschaftlicher Sicht nicht unbedingt. «Gemäss unseren Analysen ist Tallölpech das einzige untersuchte Produkt mit einer besseren ökologischen Ge­samt­bilanz als Bitumen», sagt Johannes Büchner. Weil der Impact von biologischen Bindemitteln auf die CO2-Bilanz eher klein ist, sei die Entwicklung eines 100-prozentigen Ersatzstoffes momentan nicht das Ziel, sagen die beiden Wissenschaftler unisono.

    Recycling bietet Chancen
    Den grössten Hebel für die CO2-Reduktion sehen sie im Recycling von Asphalt. Altes Bindemittel ist zwar beschädigt, zeigt aber noch sehr dominante Bitumeneigenschaften. «Die primäre Frage ist darum, wie man das vorhandene Bitumen möglichst ohne Frischbitumen verjüngen kann», sagt Michael P. Wistuba. Genau hier setzt das NOBIT-Projekt an: Die Regeneration des Alt­bitumens soll über biologische Additive erfolgen. In einem ersten Schritt haben die Forschenden am Markt erhältliche biologische Additive analysiert und anhand ihrer mechanischen und chemischen Eigenschaften kategorisiert. Danach wurden Asphaltrezepturen ent­wickelt, die eines oder zwei dieser Additive enthalten. Die geringe Dosierung gleicht aus, dass sie ökologisch weniger vorteilhaft sind als Bitumen. So haben die im Labor entwickelten Bioasphalte aus Recyclingmaterial, also Mischungen aus Altasphalt mit Altbitumen, kombiniert mit biologischen Additiven, insgesamt eine bessere CO2-Bilanz als herkömmliche Asphalte. Anschliessend wurden die Ge­brauchs­eigen­schaften getestet: Die Bioasphalte sind gleichwertig zu den Asphalten mit fossilem Bitumen – bei Recyclingquoten von 60 bis 100 Prozent. «Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass nachhaltige Asphaltrezepturen möglich sind, wenn wir das bitumenhaltige Asphaltgranulat mit biologischen Additiven kombinieren. Das hat grosses Potenzial», bilanziert Johannes Büchner.

    «Tallölpech ist das einzige untersuchte Produkt mit einer besseren öko­logischen Gesamt­bilanz als Bitumen.»

    Johannes Büchner, Leiter Bitumenkompetenzzentrum Braunschweig

    Vom Praxistest zum Leitfaden
    Als Nächstes folgt der Praxistest auf zwei Probestrecken in Braunschweig. 2028 soll dann ein Leitfaden für die Industrie vorliegen, der das Prozedere zur richtigen Dosierung der biologischen Additive aufzeigt. «Wir legen offen, wie man mit den am Markt erhältlichen Pro­dukten eine Mischung hinbekommt, die man auf der Strasse prozesssicher einbauen kann», erklärt Michael P. Wistuba.

    Fahren wir also bald auf Asphaltbelägen, deren Herstellung deutlich weniger CO2-Emissionen erzeugt? «Ja – und zwar innerhalb von zehn Jahren», ist Michael P. Wistuba überzeugt, denn die CO2-Reduktion sei ein erklärtes Ziel der Asphaltbranche. Dabei setzt sie nicht nur auf grösstmögliche Recycling­quoten und Bitumenverjüngung mit biologischen Additiven, sondern auch auf eine Temperaturabsenkung in den Mischanlagen. In Deutschland müssen Asphalte ab 2027 temperaturreduziert hergestellt werden. «Diese Massnahme sorgt dafür, dass auf nennenswerten Strassenabschnitten Belag mit deutlich weniger CO2-Emissionen verbaut wird», sagt Michael P. Wistuba. Und wann gibt es Asphalt ganz ohne Bitumen? Aus seiner Sicht braucht es vorerst gar keinen vollständigen Ersatz des fossilen Bindemittels, denn: «Wir nutzen weiterhin Erdölprodukte, aber die, die sowieso schon auf unseren Strassen liegen.»

    Aktuelle Projekte

    NOBIT
    Das Forschungsprojekt NOBIT (No Bitumen) hat zum Ziel, mit hohen Recyclingquoten und biologischen Additiven nachhaltigere Asphaltrezepturen zu entwickeln. Dazu werden am Markt verfügbare biologische Binde­mittel aus Pflanzenölen, Ligninen und Harzen analysiert. Anschliessend soll ein Konzept für die systematische Verjüngung von Altbitumen mit biologischen Additiven entstehen. 2026 und 2027 werden die Laborergebnisse auf zwei Teststrecken validiert. Am interdisziplinären Projekt beteiligen sich die TU Braunschweig, die TU Wien und die Ostschweizer Fachhochschule OST. Die VolkswagenStiftung fördert die Forschung mit über 700’000 Euro.

    CHAPLIN-XL
    2021 wurde in der niederländischen Provinz Groningen die weltweit erste Teststrecke aus Bioasphalt gebaut, der Lignin als Bindemittel enthält. Lignin kommt in Pflanzenzellen vor und fällt bei der Produktion von Papier oder Karton als Abfallprodukt an. Heute enthalten bereits mehr als 25 Teststrassen in den Niederlanden Lignin in der Deckschicht. Diese Teststrecken sind Teil des Projekts CHAPLIN-XL, einem Konsortium aus Forschungs- und Industriepartnern. CHAPLIN steht für Collaboration in aspHalt Applications with LIgniN. Die Finanzierung erfolgt durch Subventionen (1,5 Millionen Euro) und die Projektpartner (2 Millionen Euro).

    B2SQUARE
    Das Biobitumen des deutschen Start-ups B2SQUARE lässt sich wie Instantkaffee anrühren. Es besteht aus einem Pulver aus natürlichem Kohlenwasserstoffharz und einem Extrakt aus Cashewnussschalen. Durch die kalte Lieferkette und den im Bioasphalt pflanzlich gebundenen Kohlenstoff werden die CO2-Emissionen reduziert. Das Produkt wurde bereits auf der Brenner Autobahn und am Frankfurter Flughafen eingebaut. In der Schweiz testet es die Berner Firma Weibel seit 2024 auf mehreren Strassenabschnitten und an Bushaltestellen.

    BIOPHALT
    Der biobasierte Asphalt des französischen Bauunternehmens Eiffage Route basiert auf einem pflanzlichen Bindemittel, das als Nebenprodukt in der Forst- und Papierindustrie anfällt. Das Produkt enthält zudem einen hohen Anteil an recyceltem Asphalt und wird bei niedrigen Temperaturen hergestellt. Dadurch sinken Energieverbrauch und CO2-Emissionen.

    Text: Fabienne Frei