«Ich bin ein Asphaltschnüffler»
In unserer Serie «Family Business» erzählen Inhaberinnen und Inhaber von Bauunternehmen, was sie bewegt und in welche Richtung sie ihr Unternehmen steuern. Die interviewte Person bestimmt jeweils, wer als Nächstes befragt wird, und stellt die erste Frage. In dieser Ausgabe treffen wir Thomas Toldo. Er wurde von Bernhard Frei nominiert.

Noch bevor das Interview beginnt, ist da diese Selbstverständlichkeit. Thomas Toldos Präsenz wirkt routiniert – doch ohne Überheblichkeit, die oft damit verbunden wird. Im Gespräch findet er souverän die treffenden Worte, erzählt logisch und selbstreflektiert, und doch bleibt er nahbar. Am Bau schätzt er vor allem, «dass er Bestand hat» – eine Aussage, die sinnbildlich für vieles steht. Für seine Haltung, fürs Unternehmen und für die Toldos als Familie, die, wie er sagt, «stets vorwärtsschaut». Dass Thomas Toldo in seiner Freizeit Motorradrennen fährt, überrascht kaum: Auch dort zählen Konsequenz, Haltung und Weitblick.
Thomas Toldo, wir starten mit der ersten Frage von Bernhard Frei: Wie positionieren Sie sich als Betriebswirtschafter unter den Bauleuten?
Ich verstehe mich als Schnittstelle zwischen der ausführenden Bauwelt und der Unternehmenssteuerung. Einfacher gesagt: Ich bringe Struktur und Ordnung in ein Umfeld, das von Praxis und Technik geprägt ist – und das mit einem wirtschaftlichen Hintergedanken. Mein Ziel besteht stets darin, dass wir in beiden Bereichen einen Mehrwert schaffen können.
Sie haben nicht den klassischen Werdegang eingeschlagen, um ins Familienunternehmen einzutreten. Warum kam es trotzdem dazu?
Das war von langer Hand vorgespurt. Mein Vater lotste die Geschicke des Unternehmens in weiser Voraussicht. Mein Bruder machte eine technische Ausbildung, und es war klar: Jetzt braucht es einen Kaufmann.
Sie konnten also nicht selbst entscheiden, in welche Richtung es geht?
Mein ursprünglicher Berufswunsch war Motorradmechaniker. Doch als Mitglied einer Unternehmerfamilie lernt man früh, die persönlichen Bedürfnisse hinter das Kollektiv des Unternehmens zu stellen. Rückblickend hatte ich jedoch zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, das Falsche gemacht zu haben. Es fühlt sich für mich sehr richtig an.
TOLDO Strassen- und Tiefbau AG
Es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Enrico Toldo, Pflästerer aus dem Trentino, den weiten Weg über die Alpen unter die Füsse nahm. Er liess sich in der Ostschweiz nieder, wo sein Können sehr gefragt war. Die Nachkommen traten in seine Fussstapfen, was 1940 zur Gründung des Familienunternehmens führte. Nach dem Tod von Gründer Heinrich Toldo leiteten seine Ehefrau Gertrud sowie die Kinder Fredy und Ruedi das Unternehmen. Heute ist die Toldo Gruppe mit 250 Mitarbeitenden im Strassen- und Tiefbau, im Umgebungs- und Rückbau sowie im Baustoffrecycling tätig. Und auch das Handwerk des italienischen Urgrossvaters, das Pflästern, gehört noch immer zum Portfolio.
Die Toldo Gruppe hat eine spannende Familiengeschichte, die das Unternehmen in der Aussenkommunikation kaum hervorhebt. Warum nicht?
Im Innern leben wir unsere Geschichte schon. Die Mitarbeitenden spüren, dass wir ein Familienbetrieb sind. Jedoch ist unser Gründer, mein Grossvater, relativ jung auf einer Baustelle verstorben. So wurde die Verantwortung früh aufgeteilt. Den eigentlichen Ursprungspatron, dessen Bild noch im Unternehmen hängt, gibt es bei uns nicht. Der andere Aspekt ist, dass wir uns nach aussen als modernes, zeitgemässes Unternehmen darstellen möchten, mit aktuellen Werten und Leistungen.
Warum nimmt der Strassenbau trotz Expansion noch immer die zentrale Rolle in der Firmengruppe ein?
Wir sind und bleiben eine Strassen- und Tiefbauunternehmung – das ist unser Kerngeschäft. Wir kamen vom Pflästern, ein noch immer sehr schönes Handwerk, das aber nicht mehr so gefragt ist. Daneben ist der konventionelle Strassenbau das, was wir gut können und verstehen. Wir haben nie mit dem Gedanken gespielt, in andere Sparten zu gehen. Stattdessen haben wir die Wertschöpfungskette in unserem Bereich ausgedehnt. Das heisst, wir suchen artverwandte Nischen. Zum Beispiel im Bereich Recycling und Rückbau. Oder wir bauen Tennisplätze, deren Aufbau einer Strasse gleicht.
Haben Sie eine besondere Emotion, die Sie mit dem Belagsbau verbinden?
Ich muss gestehen, ich bin ein Asphaltschnüffler. Ich liebe den Geruch von frischem Belag! Auf der Autobahn – wenn ein Lastwagen mit Asphalt vor mir fährt – kommt es durchaus vor, dass ich extra langsamer fahre (lacht).
Thomas Toldo, *1969, entschied sich für den kaufmännischen Berufsweg – auch weil sein Vater Fredy ihn dazu animierte. Nach der Banklehre bildete er sich an der Fachhochschule OST als Betriebsökonom weiter und trat 1996 in den Familienbetrieb ein. Er studierte an der Hochschule Liechtenstein und an der Universität St.Gallen Treuhandwesen beziehungsweise Wirtschaftsrecht und übernahm 2002 zusammen mit seinem Bruder Ronny die Leitung des Familienunternehmens mit Hauptsitz in Sevelen. «Der Bau ist und bleibt mein Leben», stellt er nüchtern fest.
Warum engagieren sich die Toldos im Bereich Rückbau und Recycling?
Der ökologische Gedanke ist ein Bestandteil davon. Aber es geht auch darum, Wertstoffe zu generieren. Für uns als Unternehmen macht es betriebswirtschaftlich sehr viel Sinn, die vorhandenen Materialien wiederzuverwerten.
Wie wichtig ist die Regionalität der Lieferketten, wenn es um die Nachhaltigkeit geht?
Sie ist enorm wichtig. Auch darum sind wir so aufgestellt, dass wir an all unseren Standorten rechtlich eigenständige Aktiengesellschaften gegründet haben. In diesen Unternehmungen sind lokal verankerte Menschen angestellt, vom Arbeiter bis zum Geschäftsführer. Und wir legen Wert darauf, mit regionalen Partnern zusammenzuspannen.
Wie sind Regionalität und Wirtschaftlichkeit zu vereinbaren?
Kurze Transportwege fördern nicht nur die Nachhaltigkeit, sie helfen auch auf der Kostenseite. Und wenn der Franken in der Region bleibt, schaffen wir Arbeitsplätze. Dies wiederum bewirkt, dass die Region prosperiert und wir neue Aufträge und Arbeit haben. In der langfristigen Rechnung ist die Regionalität immer die beste Option.
Welche Bereiche des Bauens beeindrucken Sie am meisten?
Die Teamarbeit. Eine Baustelle wirkt manchmal chaotisch. Wenn man aber genauer hinschaut, wird klar, wie die Zahnräder perfekt ineinandergreifen. Und mich beeindruckt, dass es bei diesen Praktikern immer eine Lösung gibt. Wenn etwas nicht passt, werden sie innovativ, sie improvisieren, bis es schliesslich eben doch geht.
Welche Eigenschaften zeichnen Sie als Führungsperson aus?
Ich sehe mich als Sparringspartner – ich suche den Austausch und hinterfrage. Im Gegenzug beziehe ich die Ansichten aus meinem Umfeld auch in meine eigenen Entscheidungen ein.
Welche Charakterzüge unterstützen dies?
Ich bin nicht sehr impulsiv, sondern eher ein ruhiger Mensch.
Dennoch braucht jeder ein Ventil. Wie lassen Sie Dampf ab?
Das muss meistens bis zum nächsten Rennen warten. Ich bin ein begeisterter Hobbyracer. Auf dem Motorrad kann ich mich abreagieren. So paradox das klingt, dort erhole ich mich am besten. Weil ich den Fokus ganz auf die Rennstrecke lege und nicht aufs Geschäft.

Auch da liegt der Fokus aber auf dem Asphalt …
Ja, klar (lacht). Wie könnte es anders sein!
Was begeistert Sie an diesem Sport?
Unter anderem die Maschine. Ich fahre eine Yamaha YZF-R1 mit 180 Kilo Leergewicht und 200 PS im Hinterrad. Das ist eine kleine Rakete. Ich habe in den letzten Jahren viel in die Fahrtechnik investiert und mich als Rennfahrer coachen lassen. So gibt es mittlerweile ab und zu auch Podestplätze, was dem Ganzen natürlich das Krönchen aufsetzt.
Schauen wir 50 Jahre voraus: Können Sie uns Ihre Vision vom zukünftigen Strassenbau umschreiben?
Ich kann mir vorstellen, dass unsere Baumaschinen autonom funktionieren werden. Und ich hoffe, dass wir es schaffen, intelligente Produkte zu entwickeln. Dass die Strasse zum Beispiel Wärme oder Kälte abgibt oder dass sie induktiv Batterien von Elektrofahrzeugen laden kann. Und doch – es wird uns noch lange brauchen, gerade in der Schweiz mit ihrer anspruchsvollen Topografie. Wir haben noch nie zweimal das Gleiche gebaut.
Wer soll als Nächstes interviewt werden?
Marco Cellere.
Und welche Frage haben Sie an ihn?
Jeder Spitzensportler hat einen Mentalcoach. Auch in einer Führungsfunktion sind Höchstleistungen gefordert. Woher nimmst du die mentale Kraft für deinen Beruf?
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Interview: Carmen Püntener, Bild: Beat Belser